Die Spitze, Deutscher Klöppelverband e. V., Ausgabe 2 / 97, Seite 12-18

Schwarz geklöppelt

Versuch einer kulturgeschichtlichen Spitzenbetrachtung

Autorin: Prof Dr. Lydia Immenroth (†)

Über der diesjährigen Jahrestagung des Deutschen Klöppelverbandes hier in Bühl steht als Motto Chantilly in der Mode - Mode in Chantilly.

Von der Spitzenforschung aus gesehen wird damit ein exklusives Thema angesprochen: Geht es hier doch um schwarze Spitzen, speziell um schwarzseidene Klöppelspitzen, die erst im 19. Jahrhundert aus dem Schatten der weißen Leinenspitzen heraustraten.
Während diese bis dahin markt- und modeführend und damit zugleich kultur- und stilgeschichtlich prägend waren, trat Mitte des 19. Jahrhunderts eine schwarze Netzgrundspitze ebenbürtig an ihre Seite, die wir seither "Chantilly" nennen nach einer Stadt in der Nähe von Paris.
Noch um 1900 war diese Chantilly-Spitze weit verbreitet. Vielleicht besitzt der eine oder andere gar noch ein solches Stück aus Urgroßmutters Zeiten und erinnert sich angesichts der dargebotenen Ausstellung daran.

Im Folgenden soll der Entwicklung der schwarzseidenen Chantilly in großen Zügen nachgegangen werden. Dabei ist nur von der handgearbeiteten Spitze die Rede, die noch Mitte des 19. Jahrhunderts marktbeherrschend war. Ihr Ersatz und ihre Verdrängung durch die Maschine in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ein aufregendes, aber eigenes Kapitel industriegeschichtlicher Entwicklung auf diesem textilen Gebiet, an dem gerade die schwarzseidene Chantilly-Spitze einen besonderen Anteil hat.
Ich sagte eingangs, mit dem Motto der Tagung werde ein exklusives Thema angesprochen. Es ist, allgemein gesehen, in der Spitzenforschung bisher kaum beachtet worden. Die Entwicklung der schwarzen Seidenspitze bis zu ihrer verspäteten Höchstform als Chantilly im 19. Jahrhundert wurde und wird als randständiges Thema angesehen. Denn im 17., vor allem aber im 18.  Jahrhundert vermochte sie der großartigen Entwicklung und damit Stilprägung der weißen Leinenspitze nicht zu folgen. Und so ist es verständlich, daß sie ein Stiefkind in der Forschung geblieben ist, obgleich ganz sicher schwarzseidene Klöppelspitzen im 17. und 18. Jahrhundert in beachtlicher Menge getragen worden sind. Jedoch sind - im Unterschied zur weißen Leinenspitze - aus dieser Hochzeit der Spitzengeschichte so gut wie keine Exemplare auf uns gekommen, die in den Sammlungen der Museen greifbar wären. Ein gravierendes Manko für die Forschung.

Dieses Fehlen früher historischer Objekte - vor dem 19. Jahrhundert - hat vielerlei Gründe. Sicher liegt ein Erklärungsgrund darin, daß schwarz gefärbte Seide, das Grundmaterial dieser Spitzen, weitaus anfälliger war gegenüber Zerstörung als das viel festere, selbst feinste Leinengarn der klassischen Spitzen. Die Schwarzfärber von Seidengarn - eine besondere Zunft in der historischen Färberei - arbeiteten mit Eisenoxyd, das auf die Dauer den Seidenfaden zersetzte. Wir sehen das deutlich an vielen alten Stickereien, bei denen der schwarze Seidenfaden ausgefallen ist und heute nur noch einzelne Fasern im Stoff hinterlassen hat.

Vielleicht auch sahen Sammler und Spitzenliebhaber aber schwarzseidene Klöppelspitzen als weniger wertvoll an wie die modeführenden kostbaren, oft auch sehr kostspieligen weißen Leinenspitzen und fanden sie daher nicht des Aufhebens wert. Trotzdem gab es auch im 17./ 18. Jahrhundert qualitätvolle schwarze Seidenspitzen, die durchaus teuer waren, vor allem, wenn sie aus den führenden Produktionszentren kamen, die die HighSociety Europas und der Welt belieferten.

Santina Levey, eine bekannte Spitzenforscherin aus England, berichtet z.B. aus archivalischen Quellen, daß der Earl of Northumberland 1660 für 90 Pfund - damals eine enorme Summe - "black flanders lacis", schwarze flandrische Spitzen, kaufte, und der Anzug des Earl of Castlemaine anläßlich seiner Gesandtschaft an den päpstlichen Hof 1688 dick besetzt war mit tiefschwarzer flandrischer Spitze.1

International geschätzte schwarze Spitzen kamen also, wie die feinsten, hochmodischen leinenen Klöppelspitzen, aus Flandern. Sie beherrschten den internationalen Markt. Der bemerkenswerte Verbrauch flandrischer Klöppelspitzen kann in den Archiven aller europäischen Länder verfolgt werden. Die führenden flandrischen Spitzenmacher verstanden es schon früh, bei ihren Klöppelspitzen in Technik und Entwurf am besten auf stilistische Neuheiten einzugehen und ihre Spitzen den modischen Ansprüchen der Zeit hervorragend anzupassen. Sie unterhielten enge Beziehungen zum Pariser Hof, der seit Ludwig XlV. tonangebend in Europa geworden war, so daß sie modisch stets auf der Höhe der Zeit waren. Wie die schwarzen  Seidenspitzen des 17. und frühen 18. Jahrhunderts ausgesehen haben, können wir mangels vorhandener Objekte nur anhand von Portraitdarstellungen rekapitulieren. Damit ist aber eine Schwierigkeit verbunden: Schwarze Spitze - sei es als Kleidbesatz, Haube, Fichu, Kopfschmuck jeder Art usw. - heben sich in der Regel auf Gemälden kaum von ihrem Untergrund bzw. ihrer Umgebung ab, so daß sie meistens nur undeutlich zu erkennen sind im Vergleich zu dem weißen Spitzenschmuck auf  zeitgleichen Darstellungen. Sie vermitteln meist nur eine ungefähre Vorstellung, die uns jedoch erlaubt zu sagen, daß ihre Formen und Ornamentsprache der weißen Leinenspitze folgte, soweit deren Umsetzung in das andere Material es erlaubte und der Verwendungszweck es gebot.

So sind z.B. die im 17./18. Jahrhundert beliebten Besätze in sogenannter Genueser Spitze in beiden Materialien in der Mustergestaltung gleich. Sie ähneln dem Spitzentyp, den wir heute "Cluny" nennen, sind also Flecht- und Leinenschlagspitzen mit Formschlägen, die vornehmlich als Kleidbesätze Verwendung fanden.

Die Eingabe eines Spitzenfabrikanten aus der  Umgebung von Paris, der offenbar den französischen Hof belieferte, bestätigt das Gesagte: Er stellte "Genueser Passements" her, beliebte Besatzspitzen im Barock, für deren hervorragende Qualität Genua bekannt war. 1725 ersuchte er den König um ein Darlehen für seine Fabrik, wobei er anmerkt, "daß seine Vorfahren und er seit mehr als hundert Jahren in der Umgebung von Paris schwarze Seiden- und weiße Leinenspitzen machten, die er seit seiner Reise, welche er 1705 auf Order des Königs nach Genua gemacht habe - offenbar zur Hebung der französischen Produktion - noch vollkommener herstelle".2 D.h.: Sein Betrieb war nicht führend in der Spitzenmode, aber er produzierte gute Qualitäten an modisch gängigen Klöppelspitzen, auch an seidenen Klöppelspitzen.
Das Urteil darf allgemein für die französische Klöppelspitzenindustrie des 17. und 18. Jahrhunderts gelten. Und man muß zustimmen, wenn S.Levey sie im Vergleich zu Flandern als mittelmäßig einstuft im Gegensatz zur französischen Nadelspitzenproduktion, die Dank der staatlichen Protektion durch Colbert noch zu Lebzeiten Ludwig XlV. die anfangs führende venezianische Nadelspitze wirtschaftlich und künstlerisch überrundete.

Es sei hier angemerkt, daß Frankreichs traditionelle Klöppelspitzenproduktion außer in französisch Flandern, das in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts (1668 und 1678) durch die Kriegspolitik Ludwigs XlV. einverleibt wurde (Valenciennes, Lille, Bailleul), in der Auvergne lag mit den alten Zentren Aurillac und Le Puy. Beide Städte lagen am Haupthandelsweg nach Italien und Spanien, der auch für ihren Spitzentransport benutzt wurde. Ferner gab es Spitzenproduktionen in der Normandie, wo Caen vor allem im 18. Jahrhundert in der Klöppelspitze einen ersten Platz einnahm. Und es wurden Klöppelspitzen in der ÎIe-de-France gemacht, der Region um Paris, wo sich bereits im 17. Jahrhundert ein eigener Netzgrund entwickelt hatte, den wir heute Pariser Grund nennen. Die Herstellung von Seidenspitzen war überall ein eigener Produktionszweig mit einem beachtlichen Export vor allem nach Spanien, Portugal und Südamerika, in Länder also, in denen sich Seidenspitzen einer besonderen Beliebtheit erfreuten.
Als Ludwig XlV. 1660 die spanische Infantin Maria Theresia heiratete, kamen am französischen Hof auch schwarze Seidenspitzen en vogue. Der Hofadel trug sie als Kompliment an die Heimat der neuen Königin. Sie erschienen als Accessoires zur Kleidung, ja ganze Uberwürfe über Roben aus Gold- und Silberbrokat. "Ganz Schwarz auf Weiß steht gar schön und ehrbar, wenn man einen weißen oder silberfarbenen Rock dazu trägt" 3, schreibt ein junger Herr von Lüttich 1672 als Modebericht aus Paris an seine Tante. Schwarz - und damit das Tragen schwarzer Spitzen - war nicht mehr allein üblich im Trauerfall, als Privileg der alten Dame oder zu irgendwelchen rituellen Festen, sondern war "modisch in". Und da der französische Hof zum führenden Modezentrum Europas geworden war, erfaßte der Trend in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts die führenden Schichten des ganzen Kontinents. Daß auch der Mann an ihm beteiligt war, zeigt das Bild des Comte de Toulouse als Novize des Ordens du Saint-Esprit. Ähnlich trug auch der Zeremonienmeister zur Krönung Ludwigs XV. am 25.10.1722 folgende Gewandung: ein offenes Wams aus Silberstoff, geschmückt mit Silber Spitzen und Bändern, in den Schlitzen schwarzer Samt, ausgestopfte Hosen mit spitzengesäumten Schlitzen und Silberbändern, einen Umhang mit Haube aus schwarzem Samt mit Silberstoff-Ausfütterung, die Außenseite mit schwarzer Spitze besetzt und die Innenseite mit silberner.4

Moden kommen und gehen, und so kamen und gingen auch Spitzenmoden. Das 18. Jahrhundert, in dem Flandern seine leinenen Klöppelspitzen zu höchster Feinheit, Zartheit und erlesener ornamentaler Gestaltung entwickelte, brachte in seinem 2. Drittel wieder eine Welle der seidenen Klöppelspitzen eigener Art. Geschätzt wurde dabei vor allem das weiche, schmeichelnde, auch leichte und glänzende Material. Ob schwarz oder weiß - man nannte sie allgemein "Blonden" nach dem Naturton der Seide.

Mitte des Jahrhunderts trug die modebewußte Gesellschaft am französischen Hof und damit in ganz Europa "Blonden". "Es war eine Mode", schreibt Santina Levey dazu, "die auch den zweitrangigen Spitzenzentren von Frankreich und England, von Italien, Spanien und Skandinavien und sogar Deutschland und Amerika einen Impuls gab." 5
Der Bedarf war in ganz Europa riesig, denn der Spitzenluxus war nicht nur in den Oberschichten, sondern allgemein populär geworden. Er beschäftigte Tausende von Arbeiterinnen und verschaffte Fabrikanten wie Händlern gute Gewinne auf dem Markt. Schwarze wie weiße "Blonden" waren ein Renner. In der Regel bestanden sie aus einfachen Netzgründen mit verstreut eingefügten Formschlägen oder eingearbeiteten einfachen Musterpartien, die durch einen dickeren Faden erzeugt wurden. In Frankreich favorisierte ein königliches Dekret vom 24.6.1763 ausdrücklich ihre Produktion.6 Hatten doch alle Luxusindustrien für das Land eine außerordentliche wirtschaftliche Bedeutung. Großen Erfolg hatte die Blondenproduktion in der Normandie und der ÎIe-de-France, der Region um Paris. M. Fouriscot berichtet, daß es 1750 in Caen, einem  Spitzenzentrum der Normandie, 18 Spitzenmanufakteure gab, die zu den besten Steuerzahlern der Stadt gehörten. Sie unterhielten weite Handelsbeziehungen, denn besonders die "Blonden von Caen" waren berühmt ihrer Leichtigkeit, ihres brillanten weißen Seidengarnes und ihrer perfekten Ausführung wegen. Produziert wurde im Verlagssystem, d.h. als Hausindustrie, in der - vereinfacht gesagt - den Arbeiterinnen von einem Manufakteur Garn und Musterbriefe für ihre Arbeit vorgegeben wurden. Dieser nahm ihnen die Produkte gegen Bezahlung des Arbeitslohnes ab und brachte sie auf den Markt.

Die Ausbildung zur Arbeit als Klöpplerin war ungeregelt und ein besonderes Problem, auf das hier nicht näher eingegangen werden kann. Angemerkt sei nur, daß sehr oft die Ärmsten der Armen in diese "Lehre" gingen, der sich vielfach die Klöster annahmen. Waisenhauskinder fingen schon mit sechs bis sieben Jahren an, lernend zu arbeiten. Somit bekam wenigstens eine große Zahl vor allem an Mädchen eine Ausbildung, wenn sie auch nur mageren Lohn und keineswegs ein sicheres Einkommen brachte. Denn der Absatz von Spitzen unterlag den Launen der Mode, die wechselte, und eine soziale Absicherung gab es nicht. Die einfachen Klöpplerinnen in der Stadt rechneten zu den Ärmsten der Armen, auf dem Lande waren sie weniger benachteiligt und ebenso waren die mit geübtem Sachverstand Arbeitenden etwas besser gestellt.

Gearbeitet wurde auf Karton, die schwarzen Blonden auf weißem, die weißen auf rötlichem Karton. Das Muster war mit der Hand vorgestochen.
Erst im 19. Jahrhundert wurde ein Maschinchen zum Stechen erfunden. Nicht jede Arbeiterin konnte weiße Blonden machen, berichtet Mrs. Palliser in ihrer Mitte des 19. Jahrhunderts geschriebenen Geschichte der Spitze über die Produktion.7 Wer z.B. schweißige Hände hatte, mußte sich auf die Produktion schwarzer Blonden beschränken. Der Sauberkeit wegen wurde im Sommer im Freien gearbeitet, im Winter auf dem Lande gerne auf dem Boden über dem Kuhstall, wo es warm und rauchfrei war, weil man durch die Wärme der Tiere kein rauchendes Feuer brauchte. Im allgemeinen machte man weiße Spitzen im Sommer, die schwarzen im Winter. Sie wurden in allen Preislagen gearbeitet. Der Verdienst war in Caen höher als anderswo - in der Regel 15 bis 40 Sous täglich - bis zur großen Krise, die 1760 bis 1772 einsetzte. Sie brachte allein in Caen 65 Bankrotte und damit viele Arbeiterinnen in Not.8

Überschlägt man die Berichte aus der Zeit, so scheint es, daß in Caen ein besonderer Typ der im 18. Jahrhundert allgemein "Blonden" genannten Seidenspitzen zur Hochblüte gebracht worden ist. Es ist der Typ, den wir heute Blonde nennen im Unterschied zur Chantilly. Ihr Netzgrund ist ein fond simple, ein Lille-Grund, aus fest gedrehtem Garn, in den das Ornament mit einem fülligeren, weicher gedrehten Faden in Leinenschlag eingearbeitet ist und von einem dickeren Konturfaden umzogen wird. Caen war mit diesem Typ noch Mitte des 19. Jahrhunderts so erfolgreich, daß er von der Maschinenspitze in Calais imitiert worden ist. Er erscheint vornehmlich in weiß, kommt aber auch in schwarzer und vor allem farbiger Seide vor.
Blonden dieses Typs waren die Modespitzen des Empire. Sie wurden am Kaiserhof getragen und von Napoleon favorisiert im Interesse der französischen Wirtschaft und des französischen Ansehens als modeführendes Land.

Während die Spitzenmanufakteure von Caen qualitätvolle Blonden im heutigen Sinne des Wortes erfolgreich auf den Markt brachten, zeichneten sich die Spitzenmacher der Île-de-France, rund um Paris, vor allem durch ihre schwarzen  Seidenspitzen aus. Zentrum der Produktion war Mitte des 18. Jahrhunderts das Städtchen Chantilly.
Noch um 1900 sprach man in der französischen und belgischen Spitzenindustrie vom "Fond chant" , wobei man "chant" als Abkürzung für Chantilly brauchte. Fond bedeutete nach einem eigenen Verständnis das insgesamte Erscheinungsbild dieser Spitze, ihr Zusammenspiel von Grund und Ornament. Es ist bezeugt, daß die durch die Manufakturen von Chantilly im 18. Jahrhundert geprägte Spitzenart einen durchschlagenden Erfolg gehabt haben muß und, zu einem Typ geworden, mehr als ein Jahrhundert lang breite Nachahmung gefunden hatte. Wir sehen in diesem Fond den Vorläufer unserer heute Chantilly genannten schwarzen Seidenspitze. Sie hat den Namen des im 18. Jahrhundert von sich reden machenden Herstellungszentrums als Typenbezeichnung vermutlich im 19. Jahrhundert übernommen.

Seidenspitzen im Fond chant waren Spitzen im Pariser Grund, des traditionell in der Île-de-France seit dem 17. Jahrhundert geklöppelten Grundnetzes, in das die Ornamente im Halbschlag eingearbeitet und durch einen dickeren Konturfaden hervorgehoben wurden. Neu war der Einsatz eines feinen, stark gedrehten Seidengarnes, Grenadine genannt, das der Spitze - je nach Feinheit des Fadens - einen zurückhaltenden, matten Seidenglanz gab. Vermutlich kam es aus den berühmten Seidenspinnereien von Lyon.
Für das 19. Jahrhundert nennt Verhaegen, ein belgischer Spitzenkenner, eine spezielle Spinnerei in Alais - heute Alez, und M. Fouriscot gibt drei Stärken an, die eingesetzt wurden. Sie wurden nach dem Verhältnis von Fadenlänge zu Gewicht berechnet:

für gewöhnliche Spitzen: 80 000 m pro 1 kg
für feinere Spitzen: 120.000 m pro 1 kg
für feinste Spitzen: 500.000 m pro 1 kg9

Dabei stiegen die Preise sprunghaft an.

Die schwarzseidene Neuerscheinung im Fond chant - sie wurde seltener auch in weiß gemacht - entwickelte ihre Ornamentik in Anlehnung an die Mitte des 18. Jahrhunderts beliebten Mechelner Leinenspitzen. Verhaegen weist auch auf Bezüge zur Keramikproduktion in Chantilly hin, die von großer Schönheit gewesen sein soll und einen guten Ruf hatte.
Daß Musterzeichner für beide Industrien gearbeitet haben, ist zu vermuten. Mir ist nur eine Abbildung aus dem Musterbuch eines königlichen Hoflieferanten aus Chantilly bekannt, die bei Palliser abgedruckt ist. Danach ist zu vermuten, daß in der Ornamentsprache die allgemeinen Themen der Zeit aufgegriffen wurden wIe Blumen, Blumenkörbe und Vasen im Rocaillestil, die in den Mechelner Spitzen und auch in den feineren Leinenspitzen mIt Pariser Grund aus der Zeit zu finden sind.

Beliebt war in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Verbindung des Pariser Grundes mit dem LilIe-Grund, der in der Sprache der Zeit auch als "Fond d'Alençon" bezeichnet wurde. Wir kennen einige schwarze Fond chants dieser Art aus dem späten 18. Jahrhundert - hier ein Besatz aus Le Puy. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und auch später noch treten sie in großer Zahl in allen Klöppelregionen Europas auf. Ihre Komposition wird durch die beiden Maschengründe bestimmt, von denen der Lille-Grund das Muster trägt und durch seine einfache Lochstruktur klar heraushebt, während der unruhigere Pariser Grund einfach als Netz erscheint, in das höchstens kleine Einsprengsel gelegt sind. Daß solche "gemischten Fonds chants" eigene Probleme darstellen, weil es einer Trennung und zugleich Verbindung beider Netzgründe bedarf, mag am Rande noch erwähnt werden.

Marie Antoinette gehörte mit ihren Töchtern und Hofdamen zu den letzten großen Verbrauchern von Spitzen aus Chantilly. Die Revolution brachte dIe ProduktIon zunächst zum Erliegen. Speziell die Seidenspitzenherstellung wurde dann aber - neben der französischen Nadelspitze - in der Ära Napoleons wieder aufgebaut. Wie schon gesagt, kamen ab 1805 die weißen Blonden - Blonden im heutigen Sinne - in Mode. Sie waren relativ schnell zu arbeIten daher nicht zu teuer, waren leicht und luftig und vermittelten damit das neu aufgekommene Lebensgefühl. Sie vertraten den Stil des Empire schlechthin. Ihre besten Qualitäten wurden wieder in der Normandie und der Île-deFrance produziert.

Als dann Ende der 30er Jahre die schwarze Seidenspitze aus ihrem Wellental der Mode wieder auftauchte und sich für gut 30 Jahre - bis etwa 1870 - zu einer neuen Modewelle entwickelte, hatten sich die Manufakteure aus der Île deFrance - und damit aus Chantilly - in die ländliche Normandie zurückgezogen, um den steigenden Lohnanforderungen in der Umgebung der Hauptstadt zu entgehen.
Hier wurde dann Bayeux, und nicht weiter Caen, zum Zentrum einer neuen-alten Seidenspitzenproduktion. Sie gab dieser Spitze unter dem alten Namen Chantilly erstmals das große internationale Renommee. Ihre Höchstleistungen erregten auf den internationalen Gewerbeausstellungen, den beliebten Weltausstellungen der Zeit, allgemein Aufsehen und wurden mit Medaillenauszeichnungen bedacht.

Nach dem Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts war diese Spitze eine schwarze Blonde à fond d'Alençon. D.h., daß der traditionelle Pariser Grund, der Fond chant, gegen den leichteren, duftigeren und auch schneller zu arbeitenden Lille-Grund ausgetauscht worden war. Eine Vervollkommnung der Technik erlaubte in den 40er Jahren das unsichtbare Zusammenfügen der herstellungsbedingten schmalen Einzelstreifen zu breiten Besatzstreifen und Formstücken, wie die Mode sie forderte.

Ab etwa 1850 war es der Gipfel der Eleganz, die neuen schwarzseidenen Luxusobjekte in Chantilly zu tragen. Sie schmückten als breite Volants die weiten Krinolinenröcke der Zeit, erschienen in Parallele zu den, beliebten Kaschmirschals als lange und breite Umschlagschals oder Dreiecktücher, die ein Vermögen kosteten. Es gab jede Art von Accessoires zur Toilette: Schirme, Fächer, Halstücher aller Art, Hauben, Kopfbedeckungen, Handschuhe, kurz alles, was die Mode einer gepflegten Dame abverlangte.
Chantilly-Spitzen erschienen in allen Qualitäten und Preislagen, fein bis grob, technisch perfekt bis nachlässig gearbeitet, reich bis sparsam und auch einfallslos ornamentiert - und manchmal, wenn auch selten, in weißer Seide.

Chantilly wurde bald in allen Spitzenregionen Europas gearbeitet. So berichtet z.B. ein Schneeberger Musterstecher Schneider 1860 aus dem Erzgebirge, daß es zwei Parteien unter den Spitzenfabrikanten gegeben habe, die sich gegenseitig befehdeten: die deutsche und französische. Die ersteren machten "feine, schwarze und weiße Modefassons, ähnlich den belgischen und französischen".
Sie wurden mit französischen Etiketten versehen (Sieber, S. 32) und als "Chantilly" (S. 35) "bezeichnet".l0 International führend waren Frankreichs Produzenten in Bayeux, denen nach den ersten Erfolgen auf dem Weltmarkt bald schon eine belgische Konkurrenz mit Zentrum in Geraardsbergen / franz. Grammont erwachsen sollte. Wie immer im Modehandwerk wurde das, was die führenden Häuser auf den Markt brachten, von der Masse der Unternehmen kopiert, variiert und für den Massenbedarf ausgerichtet. Chantilly-Spitzen begleiteten 20 Jahre lang, von 1850 bis 1870, die anmutige Mode des 2. Kaiserreiches, wie die Franzosen in der Zeitrechnung des 19. Jahrhunderts sagen. Zu ihren Trendsettern gehörte Kaiserin Eugenie, wieder eine Spanierin auf dem französischen Thron. Sie liebte schwarze Spitzen, die sie an ihre Heimat erinnerten. Sie machte zahlreiche Bestellungen in führenden Häusern. Sich ihrer Stellung bewußt, nannte sie diese kostbaren Objekte "ihre Politischen, weil sie durch ein solches Beispiel Nachahmung zu finden und der französischen Industrie hilfreich zu sein wünschte".11

Unter den führenden Firmen der Zeit war die Manufaktur Lefébure in Bayeux die bedeutendste. Sie erzeugte Objekte von technisch höchster Qualität und erlesenem Design. Die Entwerfer des Hauses verstanden es, Ideen in Spitze umzusetzen und immer wieder neuen modischen Anforderungen anzupassen. Aber das alleine brachte noch nicht den Erfolg. Auch das verschiedene Seidengarn wurde überlegt und zielgerichtet eingesetzt. Dazu hatte das Unternehmen eine gut geschulte Arbeiterschaft. Lefébure war klar, daß nur sorgfältig arbeitende Patroneusen und Stecher die präzise Umsetzung einer Zeichnung in einen Klöppelbrief garantierten, wovon die Güte der Produktion wesentlich beeinflußt wurde. Diese erfolgte in Arbeitsteilung. Sie wurde bei ihm nicht mehr wie im 18. Jahrhundert betrieben, sondern systematisch im Sinne neuzeitlichen industriellen Denkens. Das hieß zugleich Spezialisierung der Arbeiterschaft. Dabei wurde bis zum Montieren der Einzelteile zu einem ganzen Objekt höchste Perfektion verlangt, die wiederum nur durch Spezialisierung zu erreichen war. Welche wirtschaftliche Bedeutung diese Spezialisierung hatte, mag an folgendem Beispiel deutlich werden: Ein Schal, zu dem früher zwei Frauen sechs Monate brauchten, konnte nun, geteilt in Stücke, von zehn Frauen in einem Monat gefertigt werden.12 Diese zehn Frauen aber mußten die gleiche Hand haben, denn ein Teilstück mußte genau wie das andere gearbeitet sein, wenn das Gesamtstück einheitlich ausfallen sollte.

Perfektion und Arbeitsdisziplin ist das Geheimnis so mancher edlen Chantilly-Spitze dieser Zeit. Lefébure sorgte für diese Perfektion, indem er sich tatkräftig für die Verbesserung der Ausbildung in den Klöppelschulen der Region einsetzte. Es hat den Aufstieg einer ganzen Generation an Klöpplerinnen zur Folge, kam diesen - wie natürlich auch seinem Unternehmen - zugute und trug mit dazu bei, den Spitzen von Bayeux Weltruf einzubringen. Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten im Calvados mehr als 50 000 Spitzenarbeiterinnen.13

Als 1870 das 2. Kaiserreich in Frankreich unterging, setzte auch der Verfall der Chantilly-Mode ein und es gab einen rapiden Verfall der Produktion. Hinzu kam die Konkurrenz der Maschine. Sie verstand es, speziell Chantilly-Spitzen täuschend ähnlich zu imitieren und drückte damit die Preise in einem für die Handspitze unerträglichen Maße. Trotzdem gab es noch ein Aufleben der schönen Seidenspitzen um die Jahrhundertwende, und wie die Ausstellung zeigt, gab es noch einmal Chantilly von guter Qualität. Aber die Muster stagnierten und blieben, bei kleinen modischen Abwandlungen, dem Stil der Jahrhundertmitte verhaftet. Offenkundig fehlten die notwendigen Impulse des Marktes zum Schritt in die Moderne, der in der Spitzenproduktion allgemein nur äußerst zaghaft getan wurde. Vielleicht auch war die Zeit für eine handgearbeitete Chantilly als Spitzentyp abgelaufen. Als ausgesprochenes Accessoire zur Kleidung - sie war niemals eine Wäschespitze - war sie für den allgemeinen Gebrauch durch die maschinellen Imitate zu ersetzen. Und diese nannte die Maschinenindustrie ohne Bedenken nach ihrem Vorbild ebenfalls "Chantilly".

Maschinenspitzen Genre Chantilly haben auf dem Markt der Mode bis heute überlebt. Handgearbeitete Chantilly sind Liebhaberobjekte geworden!
 

Quellen:
1 Levey, Santina, M., Lace, A History, London 1983, S. 29 Anm. 26 und S. 39
2 Schuette, Marie, Alte Spitzen, 4. neubearb. Auflg. Berlin 1964, S. 113 Anm. 67
3 Boehn, Max von, Die Mode im 17. Jahrhundert, 5. Auflg. München 1964, S. 113
4 Ratzki-Kraatz, Anne, The Elegant Art of Lace, in Maeder, Hr A Elegant Art, Fashon & Fantasy in the Eighteenth Century, Katalog des County Museums of Art, Los Angeles 1983, S. 119
5 Levey, a.a.O., S. 73
6 Fouriscot, M., Dentelle normande, dentelle de Caen, in: La Dentelle, Jg. 1986, Nr. 24, S. 6
7 Palliser, Bury, An illustrated Guide to Lace, Reprint 1986, S. 224
8 Fouriscot, a.a.O., r. 25, S. 7
9 ebenda, Nr. 28, S. 6
10 Sieber, Siegfried, Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge, Leipzig 1955, S. 32 und 35
11 Boehn, Max von, Die Mode im 19. Jahrhundert, 2. Auflg. München 1963, S. 71/72
12 siehe dazu Palliser, a.a.O., S. 226
13 Fouriscot, a.a.O. Nr. 26, S. 7

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